Schlimmer als bei Tokio Hotel
Dienstag, 11:00 Uhr. 40 japanische Journalisten belagern in einer idyllischen Gegend etwas außerhalb von Graz das Haus einer Ikone im heimischen Fußball – zumindest für viele Sturm-Fans: Ivica Osim, Ex-Erfolgs-Coach von Sturm und heißester Anwärter auf den japanischen Teamchef-Posten.
Nach dem frühen WM-Aus Japans haben die meisten japanischen Medienvertreter eine spontane Kursänderung eingelegt. Anstatt in ihre Heimat zurückzukehren, hat es sie in die Murmetropole verschlagen. Denn sie wissen, dass Ivica Osim derzeit in der Steiermark auf Urlaub weilt. Mit modernster Technik ausgerüstet, sitzen sie am Waldrand in der Wiese und warten und warten und warten…manche sogar seit den frühen Morgenstunden und das bei 30 Grad im Schatten. Die Handys laufen heiß, die Laptops stehen parat und mindestens ein Auge ist immer auf das Haus gerichtet. Was tut sich? Zwischen Osim und Vertretern des japanischen Fußballverbandes sollen gerade erste Vertragsverhandlungen laufen. Und schon in ein paar Minuten könnte es feststehen: Wird Osim Japans neuer Teamchef oder nicht?
Nur ein Ziel
Die gesamte Straße ist verparkt, Taxis wohin man schaut. Anrainer kommen kaum durch und sind verärgert über den Besuch aus Asien. Andere freuen sich: Die Grazer Taxler, die für die japanischen TV-Teams an diesem Tag die persönlichen Fahrer mimen, machen mit der „Japan-Invasion“ das Geschäft ihres Lebens. Es wird weiter gewartet, die Taxiuhr rennt. Geld spielt bei den Japanern keine Rolle, nur ein Interview mit Osim zählt.
Es ist kurz vor 12 Uhr. Es tut sich etwas. Die Tür geht auf und ein japanischer Herr im Hemd kommt die Treppe herunter: Es ist Mister Kozo Tashima, Technischer Direktor des japanischen Fußballverbandes. Die japanische Meute springt auf und stürzt sich auf ihn. Der Funktionär spricht zu den Journalisten, auf Japanisch. Leider. Kurz darauf öffnet sich die Tür erneut. Nun kommt auch Ivica Osim, um sich den Fragen der Journalisten zu stellen. Es wird gedrängelt, schlimmer als bei einem Tokio Hotel-Konzert.
Osim umscharrt von japanischen Medien (Foto: Huber)
In gewohnter Osim-Manier – diplomatisch und zurückhaltend wie eh und je – blockt der gebürtige Bosnier die meisten Fragen gekonnt ab – teils auf Serbokroatisch, teils auf Deutsch. „Wir haben nur über den japanischen Fußball gesprochen, die Spieler…“, gibt sich der ehemalige Sturm-Coach verschlossen. „Ist der Vertrag schon unterschrieben?“ fragt ein kroatischer Dolmetscher, der extra von der japanischen TV-Station "tv asahi" engagiert wurde. Osim antwortet: „Welcher Vertrag? Welcher Job?“ Um dann doch noch ein wenig konkreter zu werden: „Es ist eine Ehre, dass ich japanischer Teamchef werden soll. Man sieht, dass meine Arbeit bei JEF United (Anm.d.Red.: Osims derzeitiger Klub) in Japan honoriert wird. Das macht mich stolz. Aber man muss schauen und zuerst mit den Leuten von JEF reden.“
Keine Chance
Trotz mehrmaliger Nachfrage bekommen die Journalisten aber nicht das, was sie wollen: Eine klare Aussage. Typisch Osim. Trotzdem hat man irgendwie das Gefühl, dass der 65-Jährige den Brasilianer Zico schon bald als japanischer Nationaltrainer beerben wird. Und kurz bevor er wieder in sein Haus schlich, ließ er sich von guten alten Bekannten – zwei heimischen Journalisten – dann doch noch entlocken: „Wenn ich es mache, dann einmal für zwei Jahre mit einer Option auf weitere zwei Jahre.“
Heute sitzt Ivica Osim mit seiner Gattin bereits wieder im Flieger nach Japan. Die „Belagerung“ in Graz war nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was Osim als möglichen neuen Teamchef in Japan erwartet: Medientrubel pur. Etwas, das der Gentleman normalerweise lieber vermeidet.
seids sicher,
dass das journalisten waren und nicht einfach japanische touristen mit ihren kameras? :o)

Mursurfer ... mittendrin, statt nur dabei! ;o)
Coole Reportage Tom. Gratuliere!